{"id":99,"date":"2012-07-10T19:34:39","date_gmt":"2012-07-10T19:34:39","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.onliners.eu\/?page_id=99"},"modified":"2025-10-17T09:40:36","modified_gmt":"2025-10-17T09:40:36","slug":"versuch-einer-psychoanalyse-von-pinocchio","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wp.onliners.eu\/?page_id=99","title":{"rendered":"Versuch einer Psychoanalyse von Pinocchio"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi (1826-1890), \u201eDie Abenteuer des Pinocchio\u201c, ist als Kinderm\u00e4rchen bekannt und oftmals in gek\u00fcrzten Ausgaben ver\u00f6ffentlicht. Die Hauptperson, die Holzpuppe Pinocchio, ist bei den meisten Menschen in Gedanken gleichbedeutend mit seiner charakteristischsten Eigenschaft: wenn er l\u00fcgt, wird seine Nase l\u00e4nger und l\u00e4nger.<br \/>\nDenke ich jedoch an Pinocchio, besch\u00e4ftigt mich weder seine lange Nase, noch dass er von Kindern gelesen wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Buch des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi (1826-1890), \u201eDie Abenteuer des Pinocchio\u201c, ist als Kinderm\u00e4rchen bekannt und oftmals in gek\u00fcrzten Ausgaben ver\u00f6ffentlicht. Die Hauptperson, die Holzpuppe Pinocchio, ist bei den meisten Menschen in Gedanken gleichbedeutend mit seiner charakteristischsten Eigenschaft: wenn er l\u00fcgt, wird seine Nase l\u00e4nger und l\u00e4nger.<br \/>\nDenke ich jedoch an Pinocchio, besch\u00e4ftigt mich weder seine lange Nase, noch dass er von Kindern gelesen wird.<br \/>\nMich interessieren andere Sachen. Warum wollte er in ein St\u00fcck Holz fahren und haupts\u00e4chlich warum wollte er dort heraus? War es sein eigener Wunsch oder der seines Vaters? Erschuf ihn Geppetto durch seinen intensiven Wunsch Vater zu werden als Holzpuppe und in der Folge als Mensch?<br \/>\nUnd warum war Pinocchio mit solcher Beharrlichkeit b\u00f6se und ungezogen? Warum war er ein derartiger Angeber? Hatte es vielleicht mit so etwas wie die Pubert\u00e4t zu tun? Weshalb verletzte er seinen Vater so sehr? Aus Lust und Laune? Wogegen wehrte er sich, verdammt?<br \/>\nAn m\u00f6glichen schlechten Erfahrungen lie\u00df er wirklich keine aus. Er ging durch alle H\u00f6llenfeuer, setzte auf tausende Arten sein Leben in Gefahr, hatte den schlechtesten Umgang, verlor die Sprache und begann wie ein Esel zu schreien, als er in einen verwandelt wurde. Von der v\u00f6lligen Ekstase im Spielzeugland (oder Land der Verdummungsma\u00dfnahmen) durchlief er Schritt f\u00fcr Schritt die Stadien bis zur H\u00f6lle als Lasttier, absolute gedem\u00fctigt und ohne Hoffnung. Zum Schluss verschluckt ihn ein Wal, in dessen Magen er seinen Vater wiedertrifft, der ihn zwei ganze Jahre gesucht hatte.<br \/>\nUm aus dem Walmagen zu entkommen nimmt Pinocchio seinen Vater Huckepack (genau wie es Aineias auf der Flucht aus dem in Flammen stehenden Troja machte), womit er es zum ersten Mal \u00fcbernimmt seinen Vater zu retten und nicht umgekehrt. In diesem Moment ist er endlich erwachsen und hat entschieden die st\u00e4ndigen Feiern hinter sich zu lassen und gut zu sein. Die symbolische Tat (weil bis hier alles nur gute Vors\u00e4tze und \u201eich schw\u00f6re\u201c wie das Gedicht von Kavafis waren, und er danach jedes Mal in S\u00fcnde und Feierei, die nie ein gutes Ende nahmen, zur\u00fcck fiel). F\u00fcr dieses Opfer, sich anzustrengen und seinen Vater zu tragen, wird er belohnt und sein allergr\u00f6\u00dfter Wunsch wird Wirklichkeit: er wird zum Mensch wie alle anderen um ihn herum.<br \/>\nIch werde mich nicht weiter mit der Wichtigkeit als literarisches Werk aufhalten, wie oft man es, seine Sprache bewundernd, wieder und wieder lesen kann, oder wie viele ausgezeichnete Illustrationen es gl\u00fccklicherweise enth\u00e4lt. Ich werde mich auf das kindliche Bed\u00fcrfnis Abenteuer zu erleben und sich zu am\u00fcsieren, sowie auf die grenzenlose Liebe und das Mitleiden von Seiten des (Adoptiv-)Vaters konzentrieren.<br \/>\nZuerst m\u00f6chte ich betonen, dass der Holzscheit von Anfang an eine Seele hatte, schon ab dem Augenblick, als Geppetto von einem Freund ein St\u00fcck Holz mitnahm, um daraus eine h\u00f6lzerne Puppe zu schnitzen \u2013 ein Wunder, dass ihm Geld einbringen w\u00fcrde. Dies war seine urspr\u00fcngliche Absicht und vielleicht wurde er f\u00fcr die Tatsache bestraft, dass er von Geld tr\u00e4umte. Was allerdings erkl\u00e4rbar ist, da er bettelarm war und nichts zu essen hatte. Der Punkt ist, dass ihm keine gehorsame Holzpuppe gl\u00fcckte, so wie er sich vorgestellt hatte.<br \/>\nDie sprechende Grille, ein Insekt das spricht, wird die Stimme des Gewissens von Pinocchio. Nicht dass er ihr Bedeutung beimessen w\u00fcrde. Das einzige was Pinocchio einf\u00e4llt ist sie zu beschimpfen. Das Erste was die Grille zu Pinocchio sagt ist: \u201eGnade den Kindern, die sich mit ihrem Vater zerstreiten und trotzig ihr Zuhause verlassen! Niemals wird ihnen auf dieser Welt etwas Gutes widerfahren. Und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werden sie es bitterlich bereuen.\u201c<br \/>\nDie Fee mit den blauen Haaren, die Pinocchio liebt und ihm jeden Wunsch erf\u00fcllt, sagt ihm, dass er es sich verdienen m\u00fcsse ein Mensch aus Leib und Blut zu werden, dass er gehorsam sein m\u00fcsse, es lieben m\u00fcsse zu lernen, immer die Wahrheit zu sagen und gerne zur Schule zu gehen. Er verspricht ihr all das worauf sie ihm verspricht seine Mutter zu werden. Am n\u00e4chsten Tag versucht Pinocchio wirklich \u2013 wenn auch etwas unwillig \u2013 wieder zur Schule zu gehen, scheitert jedoch weil ihn seine Mitsch\u00fcler als Marionette verspotten.<br \/>\nDas Buch wird wahrscheinlich weder jenen Kindern zusagen, die von klein auf den richtigen Weg einschlugen, noch ihren Eltern, die niemals ein Problem mit ihnen hatten. Sowohl die einen wie die anderen werden es didaktisch und moralisch \u00fcberfl\u00fcssig finden und prinzipiell ablehnen. Das Buch wird jedoch all denjenigen Kindern etwas sagen, die auf Abwege gerieten, sei es auf Grund ihres (h\u00f6lzernen) Dicksch\u00e4dels, sei es wegen des mangelnden Verst\u00e4ndnisses ihrer Eltern. Es wird ebenfalls jenen Eltern zusagen, die nicht unnachgiebig waren, sondern denen es gelang zu verzeihen, jenen Eltern, die noch in den schwierigsten Augenblicken grenzenlos lieben.<br \/>\nSowohl was er als Esel erlebt, als auch das Zusammentreffen mit den beiden Betr\u00fcgern, Kater und Fuchs, ist hochdramatisch. Und es ist bewegend welche Opfer und Entbehrungen der Vater auf sich nimmt um ihm alles M\u00f6gliche zu bieten. Gleichfalls bewegend ist der innere Kampf Pinocchios zwischen dem Guten, dass er theoretisch sucht und will und dem B\u00f6sen, dem er mit solcher Leichtigkeit folgt. Wie kann man so ungerecht zu ihm sein? Wie viel Kraft soll diese Existenz aus Holz haben, die von allen geh\u00e4nselt und von niemand ernst genommen wird? Nachdem er bestimmt hundert Mal mit dem Kopf gegen die Wand geknallt, und nachdem er hundert Mal mit seinem Vater aneinander geraten ist, nachdem er die warnenden Worte der Grille und seiner geliebten Fee missachtet hat, w\u00e4chst er beim hundert-und-einsten Mal \u00fcber sich hinaus. Meiner Interpretation nach wird er seinem Vater, der ihm das Leben schenkte ohne ihn gefragt zu haben und ihn in eine Welt setzte, die ihn peinigte, verzeihen. Er wird seinen Vater auf den Schultern tragen, um ihn aus dem Gef\u00e4ngnis des Walmagens zu befreien, um ihn unter Lebensgefahr aufs Festland zu f\u00fchren. Die Erhabenheit dieser Tat l\u00f6scht sein vorangegangenes unehrenhaftes Leben und bef\u00e4higt ihn zu altruistischer Liebe und Verzeihen und belohnt ihn mit der wahren menschlichen Existenz.<br \/>\nEs lohnt sich jedoch Kapitel f\u00fcr Kapitel psychoanalytisch zu untersuchen. Vor allem das Abenteuer im Zirkus des Feuerfressers, betrachtet vor dem Hintergrund der Commedia del Arte, wo Pinocchio deutlich zeigt wie viel G\u00fcte er in sich tr\u00e4gt, als er den b\u00f6sen Zirkusbesitzer bittet den Harlekin nicht zu verbrennen. Darauf folgend die Verwandlung Pinocchios in einen Esel, die ebenso eindrucksvoll und dramatisch ist wie jene, \u00fcber die Kafka schrieb. Und nat\u00fcrlich das Zusammentreffen im Bauch des riesigen Meeress\u00e4ugers mit seinem Vater, der es vorgezogen hatte zu hungern damit er seinem Kind etwas zu Essen geben konnte, der mitten im k\u00e4ltesten Winter seinen einzigen Mantel verkauft hatte, um seinem Kind ein Schulheft zu kaufen damit es in die Schule gehen konnte.<br \/>\nWarum jedoch hat Pinocchio letztendlich diesen Hang zur st\u00e4ndigen Feierei? Um dem Ernst der menschlichen Existenz zu entfliehen? Vielleicht wollte er gar nicht aus dem Holz heraus und den Leiden des Lebens ausgesetzt werden? Trat er deshalb als Holzscheit nach jedem, der sich ihm n\u00e4herte? Er hat immer den Hang andere zu beschuldigen, ihn zu verf\u00fchren, w\u00e4hrend er gleichzeitig dagegen protestiert, dass ihm alles nur deshalb zust\u00f6\u00dft weil er kein Herz wie echte Kinder aus Fleisch und Blut besitzt. Als er zum Esel wird, beschuldigt er seinen Freund Kerzendocht, weil der ihm vorgeschlagen hatte ins Spielzeugland zu gehen, und der selbst bis zum Ende in einen Esel verwandelt bleibt.<br \/>\nDer Walmagen ist der Ort, an dem Pinocchio f\u00fcr eine Weile alleine mit sich ist um nachzudenken und wo es zur Katharsis kommt. Die Zeichnung des Illustrators Carlo Chiostri ist suggestiv, mit Pinocchio auf dem Weg zu seinem Vater, der ebenso einer biblischen Gestalt gleicht wie \u00fcberhaupt die Idee des Bauchs des Meeress\u00e4ugers biblisch ist. Suggestiv ist der Augenblick, wenn er die kleine Lampe des Vaters in der Ferne erblickt. Au\u00dfer dem gl\u00fccklichen Ende, womit er eventuell seinem kindliches Publikum Tribut zollt, sind alle anderen Geschichten von einer H\u00e4rte und Gewaltt\u00e4tigkeit gekennzeichnet, die aufw\u00fchlen. Jedes Abenteuer Pinocchios beginnt lustig, setzt sich mit Erniedrigung fort, und bringt ihn in Todesgefahr, der er letztendlich nur auf Grund der Interventionen der Fee, seiner Mutter, entkommt.<br \/>\nImmer tritt sein Bed\u00fcrfnis hervor ein anderer zu werden, ein richtiges Kind, immer sieht man das starke Bed\u00fcrfnis, des durch seine schwache Natur m\u00fcden Menschen, sich zu verwandeln. Entweder durch g\u00f6ttliches Eingreifen oder durch eigene Anstrengungen und Opfer. Die Verwandlung gelingt ihm und so lebt er noch heute ein gl\u00fcckliches Leben und wir ein noch besseres, allerdings nat\u00fcrlich nur, wenn es uns wie ihm durch Leid und Opfer gelingt, durch wahren Altruismus und Demut, durch Liebe die nicht fordert sondern dargebracht wird, die einen Schritt zur\u00fcckweicht um dem Gegen\u00fcber Raum zu geben, wenn wir unsere h\u00f6lzerne, oberfl\u00e4chliche, gierige Natur \u00e4ndern und endlich Mensch werden. Klinge ich moralisierend? Ich hoffe nicht.<\/p>\n<p>Eine kurze Zusammenfassung der Abenteuer Pinocchios, so wie er selbst sie seinem Vater erz\u00e4hlt als er ihn im Magen des Wals findet.<\/p>\n<p>&#8211; T\u00e4uschen mich meine Augen?, antwortet der Alte, sich die Augen reibend. Bist du es wirklich, mein teurer Pinocchio?<br \/>\n&#8211; Ja, ja, ich bin es, wirklich! Und du, du hast mir inzwischen tats\u00e4chlich verziehen, nicht wahr? Ach Papa, du bist so gut! &#8230;wenn ich stattdessen daran denke was ich&#8230; oh je! Wenn du w\u00fcsstest was mir widerfahren ist, was ich alles durchmachen musste! Stell dir vor, mein armer Papa, am Tag als du deinen Mantel verkauft hast um mir das Schulheft zu kaufen, habe ich mich aus dem Staub gemacht um mir die Puppen anzuschauen, und der Zirkusbesitzer wollte mich ins Feuer werfen damit sein Fleisch sch\u00f6n knusprig wird, und sp\u00e4ter gab er selbst mir f\u00fcnf Goldst\u00fccke, die ich dir bringen sollte, aber auf dem Weg habe ich den Fuchs und die Katze getroffen, die mich in die Taverne zum Roten Hummer mitnahmen, wo sie wie hungrige W\u00f6lfe a\u00dfen, und die ich sp\u00e4t nachts alleine verlie\u00df, und dann den M\u00f6rdern antwortete, die mich jagten und ich rannte und rannte und sie immer hinter mir her und ich rannte bis sie mich an einem Ast der gro\u00dfen Buche aufh\u00e4ngten, und die sch\u00f6ne Kleine mit den blauen Haaren mir einen kleinen Wagen schickte, der mich mitnahm, und als mich die \u00c4rzte sahen, sagten sie auf einmal: \u201eDass er nicht gestorben ist, ist ein Zeichen, dass er f\u00fcr immer lebt\u201c, und in dem Moment ist es mir entschl\u00fcpft und ich habe gelogen und meine Nase begann l\u00e4nger und l\u00e4nger zu werden, und ich konnte nicht mehr zur Zimmert\u00fcr hinaus, und deshalb ging ich mit Fuchs und Kater und vergrub meine vier Goldm\u00fcnzen, weil ich die f\u00fcnfte in der Taverne zum Roten Hummer ausgegeben hatte, und der Papagei lachte sich tot, und statt zweitausend Goldst\u00fccke zu finden, bekam ich nichts, und als der Richter h\u00f6rte, dass man sie mir gestohlen hatte, warf er mich ins Gef\u00e4ngnis damit die Diebe zufrieden waren, und als ich dort raus kam, fand ich unterwegs eine sch\u00f6ne Weintraube in einem Garten, und dann schnappte die Falle zu, und mit Recht zog der D\u00f6rfler mir das Hundehalsband an und befahl mir den H\u00fchnerstall zu bewachen, aber er begriff dass ich unschuldig war und lie\u00df mich gehen, und die Schlange stie\u00df Rauch aus ihrem Schwanz und fing an zu lachen, und ihr platzte eine Vene auf der Brust und so kehrte ich ins Haus der sch\u00f6nen Kleinen zur\u00fcck, die gestorben war, und als die Taube mich weinen sah, sagte sie zu mir: \u201eIch habe gesehen wie dein Vater ein Boot baute um nach dir zu suchen\u201c, und ich antwortete ihr: \u201eOh wenn ich nur Fl\u00fcgel h\u00e4tte, wie du\u201c, und sie sagte zu mir: \u201eWillst du zu deinem Vater?\u201c, und ich fragte sie: \u201eAber wie?\u201c, und sie antwortete mir: \u201eSteig auf meinen R\u00fccken\u201c, und so flogen wir die ganze Nacht und danach, am Morgen, sagten alle Fischer w\u00e4hrend sie aufs Meer schauten: \u201eDer arme Mann wird in seinem kleinen Boot ertrinken\u201c, und ich habe dich sofort von weitem erkannt weil\u00b4s mir mein Herz sagte und ich machte dir Zeichen zum Strand zur\u00fcckzukommen&#8230;\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/-\/en\/dp\/B0FTFBGHD6\/ref=sr_1_1?crid=2MCKDW802MOFP&amp;dib=ey\">Lito Seizani<\/a><\/p>\n<p>\u00dcbersetzt von R.Dreis<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi (1826-1890), \u201eDie Abenteuer des Pinocchio\u201c, ist als Kinderm\u00e4rchen bekannt und oftmals in gek\u00fcrzten 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