{"id":103,"date":"2012-11-08T09:41:33","date_gmt":"2012-11-08T09:41:33","guid":{"rendered":"https:\/\/wp.onliners.eu\/?page_id=103"},"modified":"2025-11-03T17:52:13","modified_gmt":"2025-11-03T17:52:13","slug":"auf-der-zeil-ohne-ziel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wp.onliners.eu\/?page_id=103","title":{"rendered":"Auf der Zeil ohne Ziel"},"content":{"rendered":"<p>Frankfurt befindet sich in einer ungew\u00f6hnlichen Hitzewelle. Ich habe gerade den Palmengarten besucht, diesen interessanten botanischen Garten mit seinen exotischen und anderen Pflanzen. Ich habe den Tag alleine genossen und mich als Touristin gef\u00fchlt. Palmenb\u00e4ume, niedrige Steppenpflanzen, Treibh\u00e4user, in denen es heute nicht so hei\u00df ist, da die Temperatur innen und au\u00dfen gleich ist. Nur unter manchen sehr hohen B\u00e4umen mit dicken Bl\u00e4ttern f\u00fchle ich mich ein bisschen frisch. Ich habe eine Flasche Wasser mit. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Frankfurt befindet sich in einer ungew\u00f6hnlichen Hitzewelle. Ich habe gerade den Palmengarten besucht, diesen interessanten botanischen Garten mit seinen exotischen und anderen Pflanzen. Ich habe den Tag alleine genossen und mich als Touristin gef\u00fchlt. Palmenb\u00e4ume, niedrige Steppenpflanzen, Treibh\u00e4user, in denen es heute nicht so hei\u00df ist, da die Temperatur innen und au\u00dfen gleich ist. Nur unter manchen sehr hohen B\u00e4umen mit dicken Bl\u00e4ttern f\u00fchle ich mich ein bisschen frisch. Ich habe eine Flasche Wasser mit.<br \/>\nIch wundere mich \u00fcber den riesigen Durchmesser eines St\u00fcckes von einem Baumstamm aus Kalifornien. Es gibt im Palmengarten eine Ecke, die der Mutter Goethes gewidmet ist. Sie hatte hier einen Apfelgarten. Heute gibt es eine Statue von ihr und von ihrem bekannten Sohn. Frankfurt ist Goethestadt. Schlie\u00dflich, welche deutsche Stadt ist keine Goethestadt? Ich habe Weimar besucht, wo er gelebt hat und Jena, die er sich als die sch\u00f6nste aller deutschen St\u00e4dte angesehen hat und Leipzig, wo er Stammgast war in Auerbachs Keller, einem Weinlokal.<br \/>\nJa, mein Sinn ist abgeschweift.<br \/>\nMan kann f\u00fcr einen billigen Eintrittspreis den ganzen Tag im sch\u00f6nen Palmengarten bleiben. Viele M\u00fctter bringen ihre Kinder hier her, um sie \u00fcber Botanik zu unterrichten. Nein, das ist nicht der einzige Grund. Hier k\u00f6nnen Kinder auf einem Spielplatz andere Kinder treffen, und w\u00e4hrend hei\u00dfer Tage wie heute \u00e4hnelt der Spielplatz einem Freibad mit vielen Brunnen, die den Kindern Spa\u00df machen. Die Kinder spielen im Wasser, sie schreien und spritzen ihre kleinen Freunde nass.<br \/>\nVor der Ausstellungshalle, drau\u00dfen, auf einer Bank, sehe ich einen Mann mit einem langen Bart und langem Haar. Er ist der K\u00fcnstler, der viele Werke mit Pflanzen und Dschungelmotiven gemalt hat. Auch verschiedene Skulpturen aus Metal, die so genannten Schattenskulpturen, sind \u00fcberall in dem Garten zu sehen.<br \/>\nIn der Halle gibt es auch Gew\u00fcrze aus aller Welt, die man anfassen und riechen kann und \u00fcber deren Geschichte man lesen kann. Sehr interessant. Etwas \u00c4hnliches habe ich in dem Meeresmuseum in Amsterdam gesehen. Dort gab es eine ganze Etage, die holl\u00e4ndischen Forschern aus fr\u00fcheren Jahrhunderten gewidmet war, und wo man ihre Funde bewundern konnte.<br \/>\nIch gehe wieder hinaus, um zwischen den Rosenbeeten zu flanieren. In den Treibh\u00e4usern f\u00fchle ich mich wie in einem Regenwald und sp\u00e4ter wie in der W\u00fcste, wo die einzigen Pflanzen Kakteen in verschiedenen Formen sind. Manche sind rund und dick und andere sind sehr hoch und d\u00fcnn.<br \/>\nDann gehe ich in eine k\u00fcnstliche Grotte neben einem k\u00fcnstlichen Wasserfall, der in einem k\u00fcnstlichen See endet. Junge Paare mieten kleine Tretboote, und Opas mit ihren Enkeln ziehen Kanus vor. Alle Boote haben Namen von Blumen wie \u201cLily\u201d oder \u201cRose\u201d oder \u201cKrokus\u201d. Alle Leute sehen gl\u00fccklich aus. Ein Paar aus Afrika mit zwei Kindern, deutlich keine Touristen sondern Einwohner, sehen auch gl\u00fccklich aus.<br \/>\nDie Leute, die in den beiden Restaurants des Palmengartens essen (eins ist teuer, das andere nicht so teuer) sind auch zufrieden mit der Wahl ihres Mittagessens.<br \/>\nIch glaube, dass ich einen perfekten Rundgang durch den Garten vollendet habe. Ich habe alles gesehen, aber ich will noch nicht gehen. Ich kann ein bisschen l\u00e4nger bleiben. Keine Eile. Ich kann mich auf eine Bank setzen wie dieser alte Herr hier, der seine kurze Siesta genie\u00dft. Kein Druck. Na ja, ein bisschen hungrig bin ich vielleicht. Aber es ist nicht wichtig. In meiner Sprache gibt es ein Wort, \u201ckoiliodoulos\u201d, welches \u201cSklave des Magens\u201d bedeutet. Das bin ich nicht.<br \/>\nIrgendwann verlasse ich den Palmengarten und gehe in Richtung Stadtmitte. Heute ist das Zentrum sehr voll. Ich habe Frankfurt in ruhigeren Zeiten gesehen. Mein erster Besuch war vor 25 Jahren. Ich bin \u00e4lter geworden, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich glaube, das empfindet jeder so. Nur eine Zahl wie diese, 25 Jahre, erinnert uns daran, dass die Zeit schnell vergeht, so schnell wie die Lichtgeschwindigkeit.<br \/>\nDie Zeil ist die lange zentrale Stra\u00dfe mit allen Gesch\u00e4ften in Frankfurt. Einige Stra\u00dfenmusiker, die wahrscheinlich vom Balkan kommen, spielen Musik, die exotisch klingt. Ja, aber nicht f\u00fcr mich, ich kenne sie schon. Vielleicht klingt das f\u00fcr deutsche Ohren exotisch. F\u00fcr mich ist es nur laut. Ich gehe in eine Kirche, aber der L\u00e4rm verfolgt mich. Sie singen so laut. Ich will eine Kerze anz\u00fcnden und habe mein Portemonnaie in meiner Hand.<br \/>\n\u201cSchwester, bitte, hilf mir!\u201d Eine kleine Frau mit dunklem Haar ist neben mir und spricht Deutsch. \u201cIch komme aus Jugoslawien\u201d, sagt sie und dieser Name, fr\u00fcher so bekannt f\u00fcr mich, klingt heute fremd. Jugoslawien gibt es nicht mehr, sage ich zu mir selbst. Ich gebe ihr die M\u00fcnze, die ich in meiner Hand habe. Sie lehnt es ab. \u201cNein, Schwester\u201d, sagt sie, \u201cIch brauche Arbeit. Heute endet meine Aufenthaltsbewilligung, und ich muss ein Haus finden, ich bin Putzfrau, ich muss meine Kinder ern\u00e4hren\u201d. Sie weint. \u201cIch bin auch Ausl\u00e4nder hier\u201d, antworte ich. Dann erinnere ich mich, dass dies der Titel eines Buches von Bill Bryson ist. \u201cWoher kommen Sie\u201d? fragt sie. Pl\u00f6tzlich ist ihre Neugierig st\u00e4rker als ihr Kummer. Aber ich habe keine Lust zu reden. Ich gebe ihr die M\u00fcnze und ich bin weg.<br \/>\nDie Zeil braust mit Stra\u00dfenmusikern, mit Touristen und mit Leuten wie mir. Ich bin weder Tourist noch Deutsch. Ich bin weder hier noch dort, laut Bryson. Und diese Frau in der Kirche? Was w\u00e4re, wenn sie ihre Geschichte tausend Mal wiederholt h\u00e4tte? Wenn sie wirklich einen Job brauchte? Dieses \u201cwenn\u201d vergiftet meine gute Tat. Dass ich den Verdacht habe, dass sie eine Profi Bettlerin ist, macht meine Geste zunichte. Ich sch\u00e4me mich. Aber damals, als ich in Griechenland aufgewachsen bin, habe ich viele gesehen, die so lebten. Als Bettler. Eine andere innere Stimme sagt mir, nicht zu fragen warum sie es geworden sind.<br \/>\nFrankfurt heute ist New York Revisited. Nach dem Krieg war Frankfurt von den Amerikanern \u201coccupied\u201d. Die Stadt stand unter ihrem Einfluss und ihrer Kontrolle. Die deutschen Bewohner waren oft bel\u00e4stigt von der Anwesenheit der Amis und haben ihre Stadt ironisch \u201cthe most European of all American cities\u201d genannt. Auch weil Frankfurt viele Hochh\u00e4user hat, so wie Manhattan. Frankfurt ist auch \u201cMainhattan\u201d weil sein Fluss der Main ist. Zur Zeit ist die Stadtmitte wieder \u201coccupied\u201d von einer Bewegung gegen die Banken.<br \/>\nAber die Zeil ist sch\u00f6n, voll mit jungen Leuten, die in gro\u00dfen L\u00e4den einkaufen. Hier kann man auch Obdachlose und Drogens\u00fcchtige sehen und manche Punks, die auf dem Boden mit ihren hungrigen, schmutzigen Hunden sitzen. Diese Hunde hatten sicher bessere Tage in der Vergangenheit erlebt.<br \/>\nIch gucke mich um und kann die Stadt nicht erkennen. Sie sieht aus wie jede andere globalisierte Stadt in der Welt. Mit langweiligen schnellen Restaurantketten, mit billigen Kleidungsl\u00e4den, die alle gleich sind in Europa, in America und vielleicht auch in China.<br \/>\nMein Zynismus kommt wahrscheinlich von so vielen Reise um die Welt. Ich bin so viel gereist und habe so viele Orte gesehen. Ich bin \u00e4lter geworden. Und ich bin auch Ausl\u00e4nder hier.<br \/>\nAber Frankfurt ist nicht nur die Zeil. Diese Stadt hat so viele interessante, sch\u00f6ne Sehensw\u00fcrdigkeiten. Man muss alles entdecken. Und ich m\u00f6chte mehr \u00fcber Frankfurt schreiben, mehr Empfehlungen geben.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt von Marion Schulz-Gahmen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurt befindet sich in einer ungew\u00f6hnlichen Hitzewelle. 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